Dr. Jens-Uwe Martens

Persönlichkeits-Coach, Autor & Berater seit 1967

"Ich kann nicht" gibt es nicht!

Eine Geschichte aus Südafrika

Südafrika ist ein armes Land, aber es ist ein Land im Aufbruch. Viele Menschen sind überzeugt, dass sie jetzt, nachdem die Apartheid überwunden ist, aus diesem Staat ein Musterland machen können – und für sich selber den Platz in der Gesellschaft erobern können, der ihnen zusteht. Das gilt natürlich vor allem für die Menschen, die zu Zeiten der Apartheid ohne Chancen waren. Nelson Mandela ist zu einem Vorbild für eine ganze Nation geworden. Vielleicht trifft man in Südafrika daher auch öfter als in reicheren Staaten außergewöhnliche Persönlichkeiten. Von einer solchen möchte ich Ihnen berichten.

In Kapstadt kann man sich verlieben, auch wenn man nur aus geschäftlichen Gründen dort ist. Ich bin zu einem der vielen begeisterten Besucher dieser von Wind und Meer bestimmten Stadt geworden. Meine Geschäfte haben für mich den großen Vorteil, dass sie mich mit den Menschen des jeweiligen Landes in Verbindung bringen und sei es auch nur, weil ich Probleme habe, für die ich auf Hilfe von Spezialisten aus dem Land angewiesen bin. So lernte ich auch einen jungen Mann kennen, der mir ein Problem mit meinem Computer lösen half.

Er gehörte zu den Menschen, zu denen man sofort Kontakt findet, mit dem man gerne wieder sehen würde. Ich kam also ins Gespräch mit ihm und erfuhr, dass er einer von vier Söhnen ist, die alle erfolgreich im Computergeschäft tätig sind. Bei der Arbeitslosigkeit, die in Südafrika ca. 25% oder mehr beträgt, keine Selbstverständlichkeit. Er erzählte mir, dass einer von seinen Brüdern vor ein paar Wochen bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. „Wie schrecklich!“ dachte ich, aber ich sollte erfahren, dass das nicht das einzige Problem war, mit dem sich diese Familie auseinanderzusetzen hatte.

„An meinen Vater kann ich mich kaum noch erinnern.“

Auf meine Frage nach seiner Familie antwortete er mir mit einer Stimme, die seine positive Zuversicht, die er bisher ausstrahlte, verschwinden ließ:

„An meinen Vater kann ich mich kaum noch erinnern. Meine Eltern haben sich vor ca. 10 Jahren scheiden lassen.“

„Wie kam es dazu?“

„Soweit ich weiß, hat mein Vater meine Mutter geschlagen, er hatte wohl Alkoholprobleme und konnte auch mit dem Geld nicht so richtig umgehen. Wir haben seit ewigen Zeiten nichts mehr von ihm gehört oder gesehen.“

„Und Deine Mutter hat Euch alleine großgezogen?“

„Ja, das hat sie!“ Und ich spürte, dass sich seine Ausstrahlung wieder zum Positiven änderte, er war auf einmal wieder stolz und voller Zuversicht. „... und sie hatte es nicht leicht!“

Mein Mitgefühl hatte die Familie: „Das kann ich mir vorstellen!“

„Es war noch viel schwieriger als Sie es sich vorstellen können! Meine Mutter ist von Geburt an behindert. Sie kann nur sehr schlecht sehen und hat ein großes Problem mit ihrem rechten Bein, das deutlich kürzer ist als das linke, und an dem bestimmte Muskeln nicht angelegt sind.“

Eine behinderte Mutter bringt vier Söhne groß, aus denen allen etwas geworden ist, und das in Südafrika, wo es sehr viel weniger soziale Absicherung gibt, als bei uns in Deutschland. Ich war fasziniert und wollte mehr wissen.

„Kann ich Deine Mutter kennen lernen?“

„Natürlich, hier gebe ich Ihnen ihre Telefonnummer!“

„Ich bin Psychologe und beschäftige mich mit den Faktoren, die erfolgreich machen.“

Schon bei dem ersten Telefonat mit ihr, war ich von der Persönlichkeit dieser Frau beeindruckt.

„Einer Ihrer Söhne hat mir von Ihnen erzählt und ich würde Sie gerne kennen lernen. Ich bin Psychologe und beschäftige mich mit den Faktoren, die erfolgreich machen.“

„Ich denke nicht, dass ich sehr erfolgreich bin, aber wenn Sie wollen treffe ich mich gerne mit Ihnen.“

„Am nächsten Dienstagabend?“ fragte ich.

„Da geht es leider nicht. Da habe ich Vorlesung. Ich studiere Psychologie im Abendstudium.“

Eine behinderte Frau, die geschätzt Mitte 40 sein musste, macht eine Fortbildung! Ich war beeindruckt. Wir verabredeten uns also für Mittwoch.

Ich war voller Erwartung sie kennen zu lernen. „Kann ich Sie irgendwo abholen?“

„Das ist nicht nötig, ich komme in Ihr Hotel. Ich arrangiere das schon irgendwie! Also dann bis Mittwoch!“

Habe ich wirklich mit einer behinderten Frau gesprochen, die nur schwer gehen kann, geschweige denn Radfahren oder Autofahren, so fragte ich mich.

Wir trafen uns also in der Hotellobby. Eine kleine, unscheinbare Frau, die sehr stark hinkte und der man ansah, dass sie durch ihre Augenprobleme Schwierigkeiten mit der Orientierung hatte. Trotzdem erschien sie mir in keiner Weise unsicher. Sie hatte eine besondere Ausstrahlung, durch die sie sich von all den Menschen in dieser großen Hotelhalle unterschied – oder kam es mir nur so vor?

Ich machte mich bekannt und wir gingen in ein Restaurant.

„Warum wollten Sie mich treffen?“ begann sie die Unterhaltung.

„Sie sind in meinen Augen wahrscheinlich der erfolgreichste Mensch in diesem großen Restaurant, ich möchte wissen, wie Sie so geworden sind, wie sie es geschafft haben, Ihre vielen Kinder alleine und trotz der Behinderungen in einem Land wie Südafrika zu so erfolgreichen jungen Menschen zu erziehen.“

„Ich denke, sie wollen mir nur schmeicheln. Ich habe einfach immer nur getan, was notwendig war.“

„Viele andere würden das, was Sie getan haben nicht schaffen, sie würden es gar nicht von sich erwarten, es gar nicht versuchen. Was unterscheidet Sie von den anderen? Warum haben Sie sich trotz all der offensichtlichen äußeren Schwierigkeiten nicht unterkriegen lassen?“

Zuerst wusste sie mit der Frage nichts anzufangen. Sie hatte nicht das Gefühl etwas Besonderes geleistet zu haben. Nachdem ich ihr aber meine Sichtweise deutlich gemacht hatte, rückte sie doch mit einer wunderbaren Geschichte heraus:

„Es gibt da ein Erlebnis aus früher Kindheit, an das ich noch heute oft denken muss. Ich war drei Jahre alt. Ich kann das genau rekonstruieren. Ich war bei meiner Großmutter. Ich wollte aus irgendeinem Grund aus dem Zimmer gehen und konnte die Tür nicht öffnen, da ich nicht groß genug war, die Klinke zu erreichen. Ich bat sie: ‚Bitte Oma, öffne die Tür für mich, ich kann sie nicht öffnen!’ Die Antwort meiner Oma war auf den ersten Blick herzlos:

‚Merke dir das: ‚Ich kann nicht’ gibt es nicht!’“

„Merke dir das: ‚Ich kann nicht’ gibt es nicht!“

Die Szene war auch vor meinen Augen lebendig geworden, so mitfühlend konnte sie erzählen. Ich sah ein kleines, sehr süßes behindertes Mädchen vor mir, das Schwierigkeiten zu Laufen hatte, mit Schleifchen in den Haaren und das lieb um einen Gefallen bat. Wie grausam musste man sein, einem solchen Geschöpfe diese Bitte abzuschlagen.

„Sie können sich vorstellen, wie ärgerlich ich wurde.“ Fuhr sie fort. „Ich schrie wütend: ‚Aber ich bin nun einmal zu klein für diese Türe!’ und stampfte mit den Füßen auf den Boden, aber sie ließ sich nicht erweichen.

Nach einigen Minuten hatte ich mich beruhigt und schaute mich um. Ich nahm einen in der Nähe stehenden Stuhl, schob ihn zu der Tür kletterte auf den Stuhl und öffnete die Tür“.

Sie machte eine Pause, als wollte sie den Triumph noch einmal auskosten. Sie schüttelte sich ein wenig, als müsse sie die Erinnerung loswerden, um wieder in die Jetztzeit zurückzukommen.

„Noch heute“, so versichert sie mir, „mehr als vierzig Jahre danach, muss ich noch oft an diese Episode aus meinem Leben denken – und zwar immer dann, wenn das Gefühl in mir hochsteigt, ich könne mein Ziel nicht erreichen. ‚Ich kann nicht’ gibt es nicht – zumindest nicht für mich!“

Ich habe aus dieser Geschichte viel gelernt. Meine Eltern haben mir viele Steine aus dem Weg geräumt. Ich konnte mich auf sie verlassen immer dann, wenn ich in Schwierigkeiten kam. Heute sind sie lange tot und wenn ich heute einmal keinen habe, der die Stelle meiner Eltern einnimmt und mir hilft, kommt in mir ein Gefühl der Hilflosigkeit auf – aber dann sage ich mir: „’Ich kann nicht’ gibt es nicht! – Für mich auch nicht!“

Diese Geschichte hat mir in meinem Leben den richtigen Weg gewiesen.

Diese Geschichte also hilft mir. Aber es ist nicht nur diese Geschichte, die mir in meinem Leben den richtigen Weg gewiesen hat. Es gibt für mich viele vergleichbare Geschichten, aus denen ich viel für mein Leben gelernt habe — selbst erlebte Geschichten oder solche, die mir — wie diese — andere erzählt haben.

Eine besondere Rolle spielt in meinem Leben das Märchen von Saint-Exupery: „Der Kleine Prinz“. Ich habe mit dreißig meine Frau und meine zwei Kinder bei einem Flugzeugunglück verloren. „Der Kleine Prinz“ war in der schweren Zeit nach dem Unfall wie ein guter Freund, er hat mir Trost gespendet und mir einen Weg gewiesen, wie ich mit diesem Schicksalsschlag fertig werden kann. (s. J. U. Martens „Mit dem Herzen suchen“ DuMont Buchverlag Köln 2. Auflage 1999)

Geschichten haben mir geholfen und wie ich entdecken konnte, helfen sie auch anderen in meinen Seminaren, während eines Coachings oder in den Bogs dieser Homepage.

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